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FOTO-REPORT

Zauberhaftes Glas

Fotografische Spielereien

von Brigitte und Dieter Heun

 

Glas ist für Fotografen ein beliebtes Motiv. Es spiegelt und reflektiert scheinbar unkontrolliert, bricht das Licht, verändert Farbe und Form des Spiegelbilds. Diese Reaktionen in den Griff zu bekommen und für die Bildkom-position gezielt zu steuern hat uns gereizt, diese Fotos zu machen, bei einigen angeregt durch Bilder, die wir in Fotogalerien oder Internetforen gesehen haben.

 

Man braucht dazu übrigens keine Atelierausrüstung. Die meisten Fotos sind in unserer Garage entstanden. Hilfsmittel waren – neben der fotografischen Ausrüstung – lediglich ein Tisch, zwei Stühle mit Bettlaken umhüllt (als ein von außen angeleuchtetes Lichtzelt), weißer und schwarzer Karton als Unterlage und Hintergrund, eine Glasplatte und Styroporplatten als Reflektor.

 

Für alle nachstehenden Bilder gilt: 
durch Anklicken erhalten Sie eine Großansicht.

 

Dieses Foto entstand als erstes der Serie schon vor längerer Zeit. Wir haben es verschiedenen Freunden und Bekannten gezeigt und alle waren natürlich versucht zu erklären, wie es denn wohl gemacht worden ist. Wir möchten dazu drei Dinge anmerken:
· Es handelt sich um normale Weingläser.
· Der Inhalt beider Gläser ist wirklich Weiß- bzw. Rotwein. Manche Mutmaßungen, das Rotweinglas sei mit einer roten Paste bestrichen oder mit einer gallertartigen festen Masse gefüllt, sind also nicht richtig.
· Die Gläser standen bei der Aufnahme in genau der Position, wie sie im Bild zu sehen sind.


Bild 2
Eine ungewöhnliche „Schräglage“.
Auch hier gilt, dass der blaue Inhalt der Gläser Flüssigkeit ist (für alle, die es ganz genau wissen wollen: mit Lebensmittelfarbe eingefärbtes Wasser).
Interessant sind auch die blauen Spiegelungen im Fuß der Gläser.


Bild 3
Hier wollten wir das Grün der im Hintergrund unscharf abgebildeten Flasche im Weinglas spiegeln, und zwar so, dass es durch eine Lichtbrechung im Glas seitlich versetzt wird.


Bild 4
Dieses Foto bezieht seinen optischen Reiz zum einen aus der Spiegelung des Likörglases auf einer Glasplatte und zum anderen aus der deutlich sichtbaren Lichtbrechung am blauen Plastikspieß.
Ein wichtiges Requisit bei einem Bild dieser Art ist die Wasserwaage. Denn es würde im späteren Bild sofort auffallen, wenn das Wasser nicht genau horizontal im Glas wäre. Wenn wir solche Aufnahmen machen, befin-det sich auch auf der Kamera (im Blitzschuh) eine Mini-Wasserwaage, denn was nützt es, wenn zwar das Glas senkrecht ausgerichtet ist, die Kamera aber nicht.

Bild 5
Hier haben wir vier Weingläser - exakt ausgerichtet - hintereinander gestellt und das letzte Glas mit roter Flüs-sigkeit gefüllt.


Bild 6
Im Gegensatz zum Bild 4 liegt hier keine Spiegelung auf einer Glasplatte vor. Vielmehr handelt es sich um ins-gesamt sechs Gläser, von denen die unteren drei als Stütze für die oberen Gläser dienen.
Das rote Glas spiegelt sich in beiden anderen Gläsern, übrigens auch im Stiel des linken Glases.
Die Kameraposition ist so gewählt, dass sie bei manchem Betrachter eine optische Täuschung hervorrufen wird. Für ihn sieht es so aus, als ob die Flüssigkeiten in den Gläsern einen sich nach oben wölbenden („run-den“) Rand haben. Wer das Bild so sieht, wird auch Schwierigkeiten haben, die Kelchöffnungen der Gläser perspektivisch korrekt zu erfassen. Bei ihm nimmt das Auge nämlich zunächst den unteren Rand der Kelchöff-nungen als den vorderen an, was natürlich nicht richtig ist. Anders ausgedrückt: die Kamera schaut schräg von unten ins Glas hinein und nicht von oben drauf.


Bild 7
Der Rand der Flasche ist nicht etwa gemalt. Vielmehr wird die Flasche mit einer gezielten Hintergrundbeleuch-tung in einen dünnen Lichtkranz gehüllt, der nur den Flaschenrand betont, sonst aber nirgendwo im Bild sicht-bar wird.


Bild 8
Dieses Bild greift das Motiv des vorhergehenden Fotos auf, das Weinglas auf der linken Seite erzeugt aber weitere Lichtreflexe. Die Kerze spiegelt sich sowohl auf dem vorderen als auch auf  dem hinteren Rand des Weinglases. Im oberen Teil des Weinglases bewirkt der helle Lichtkranz der Flasche einen weiteren deutlich sichtbaren Reflex.


Bild 9
Bei diesem und dem folgenden Bild soll die Dynamik der Bewegung im Vordergrund stehen. Eigentlich wollten wir einen Eiswürfel in das Glas werfen, hatten aber keinen zur Hand.


Bild 10
Die deutlich sichtbaren Lichtreflexe im Glas und in der Flasche sind diesmal gewollt. Denn die Aufnahme (sie wurde draußen im Freien bei bedecktem Himmel gemacht) soll zeigen, wie unkontrolliert Glas reflektieren kann und eine Vorstellung davon geben, wie schwierig es dementsprechend für den Fotografen ist, diese Spiegelun-gen schon bei der Aufnahme zu eliminieren.


Bild 11
Bei diesem Foto wollen wir für interessierte Hobby-Kollegen mal erläutern, wie wir es gemacht haben.

Wir haben drei Gläser auf eine halbdurchsichtige, hinten hochgebogene Plexiglasplatte gestellt. Mit Tageslicht-lampen (5000° Kelvin) und darüber gelegtem Transparentpapier haben wir die Platte von hinten blau und von unten gelb beleuchtet. Das ergibt die blaue Grundstimmung des Bildes mit einem nach unten heller werdenden Hintergrund.

Das Geheimnis des scheinbaren „Voreinanders“ der Gläser besteht in dem Zusammenwirken von Blitz und Zoomen. Zum Verständnis muss man sich zunächst vor Augen halten, dass ein Blitzbild immer das Resultat einer Doppelbelichtung ist. Das erste Bild wird durch das Leuchten des Blitzes erzeugt (die sogen. Abbrenn-dauer des Blitzes liegt üblicherweise zwischen 1/1000 und 1/10000 sec). Das zweite Bild entsteht aus dem Um-gebungslicht, welches für die Dauer der gesamten Belichtungszeit auf den Film bzw. den Chip einwirkt.

Wir haben den Raum (unsere Garage – s. oben) abgedunkelt und dadurch für eine Belichtungszeit von etwa zwei Sekunden gesorgt. Nach dem Blitzen haben wir - innerhalb der zwei Sekunden - sehr schnell gezoomt (von 50 mm auf 75 mm). Dadurch kommt es zum Verschmelzen zweier Bilder, der Kurzzeitaufnahme (Blitz) mit den farbintensiven Gläsern und der Langzeitaufnahme (Zoom) mit den Pastelltönen.


Bild 12
Dieses Bild lebt von den grellen Farben und einer raffinierten Hintergrundbeleuchtung.


Bild 13
Auch zu diesem Foto für interessierte Hobby-Kollegen ein paar Anmerkungen.
Das Wasser haben wir zunächst mit viel Kohlensäure angereichert und ganz zart mit blauer Lebensmittelfarbe eingefärbt. Dann  haben wir den Stiel der Kirsche an einen Faden gebunden und die Kirsche ins Wasser gehal-ten.
Unter dem Stuhl (mit einer diffusen Plexiglas-Scheibe) befinden sich zwei Tageslichtlampen; sie sind mit rotem Transparentpapier abgedeckt.
Vor dem Objektiv befindet sich ein Pol-Filter, um störende Reflexe im Glas zu unterdrücken.


Und hier das Making-of von Bild 13.
Zu sehen sind auch die bei Bild 4 erwähnte Wasserwaage und die Mini-Wasserwaage auf dem Blitzschuh der Kamera.

Bild 14
Der Spittaplatz mit der Pankratius-Kirche – gespiegelt in einem Weinglas.
Wer ein solches Foto macht, muss berücksichtigen, dass Weingläser immer doppelt spiegeln: der dem Betrach-ter zugewandte vordere Rand des Glases spiegelt normal aufrecht, der rückwärtige Rand hingegen stellt die Spiegelung auf den Kopf. Um die hintere Spiegelung auszuschalten, muss man das Glas von innen z.B. mit schwarzem Papier abdecken.


Bild 15
Und als uns zum Schluss nichts Besseres mehr einfiel, haben wir einfach ein Weinglas von innen vor die Jalou-sie unseres Wohnzimmerfensters gehalten. Ergebnis: interessante Lichtbrechungen und kräftige Farbtupfer von den Blumen in unserem Garten.

 

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